
DMZ - BLICKWINKEL ¦ Matthias Walter
Antisemitismus entstammt der Psychodynamik der Projektion: Ein Ressentiment, das Fakten entstellt und Fairness mit Doppelmoral erstickt.
Die Dialektik des Antisemitismus: Projektionen, Widersprüche und historische Persistenz
Antisemitismus ist eines der paradoxesten und zugleich langlebigsten Vorurteile der Menschheitsgeschichte. Er zeichnet sich nicht nur durch seine Hartnäckigkeit aus, sondern auch durch seine inhärenten Widersprüche: Juden wurden sowohl als Verkörperung des Finanzkapitalismus wie auch des Kommunismus diffamiert, als Zerstörer traditioneller religiöser Werte und zugleich als Dogmatiker eines rigiden Monotheismus. Diese strukturelle Ambivalenz verweist nicht auf reale Eigenschaften des Judentums oder seiner Anhänger, sondern auf die psychodynamischen und gesellschaftlichen Mechanismen, die den Antisemitismus antreiben.
Der Mythos des "Geldadels": Kapitalismuskritik und antisemitische Stereotypen
Ein zentrales Moment antisemitischer Ideologie ist die Konstruktion des "jüdischen Finanzkapitals". Bereits in der mittelalterlichen Ständegesellschaft wurde den Juden, aufgrund ihrer Marginalisierung aus vielen anderen Berufsgruppen, die Rolle des Geldverleihers aufgezwungen. Diese Entwicklung wurde von den marxistischen Theoretikern des 19. Jahrhunderts, insbesondere Karl Marx selbst, adaptiert und mit einer klassenanalytischen Perspektive versehen: Das Judentum wurde als Inbegriff des Kapitalismus und der "Verwässerung des sozialen Bandes" verstanden. Nationalsozialistische Propaganda griff diese Vorstellung auf und verschmolz sie mit rassenideologischen Narrativen, um den "jüdischen Finanzparasiten" als Hauptfeind der "schaffenden" Arier darzustellen.
Die Vorstellung, dass Juden das globale Finanzsystem kontrollierten, wurde durch Unkenntnis wirtschaftlicher Mechanismen befeuert. Die Realität, dass Banken und Finanzinstitutionen in nahezu jeder Kultur existieren, wird ignoriert. Muslimische oder beispielsweise chinesische Finanzakteure (oder auch damalige Nazi-Eliten, die in „Saus und Braus“ lebten, während die Masse in Armut lebte – ähnlich wie heutzutage in islamischen Diktaturen) werden selten in ähnlicher Weise attackiert, weil sich das antisemitische Ressentiment weniger auf wirtschaftliche Tatsachen stützt als auf Projektionen und Verschwörungsideologien.
Antisemitische Mythen: Ritualmord, Brunnenvergiftung und Seuchenverbreitung
Im Mittelalter wurden Juden immer wieder beschuldigt, Brunnen zu vergiften oder absichtlich Seuchen zu verbreiten – ein perfides Konstrukt, das besonders während der Pestepidemien zur Legitimation brutaler Pogrome genutzt wurde. Der Vorwurf des Ritualmords, der unterstellte, Juden würden christliche Kinder für rituelle Zwecke töten, gehört zu den langlebigsten antisemitischen Mythen, die bis in die Neuzeit überlebten. Solche Anschuldigungen sind nicht nur historisch haltlos, sondern folgen auch einem typischen Muster: Sie dienen der Dämonisierung einer Minderheit, die als allgegenwärtige Bedrohung stilisiert wird.
Vom Monotheismus zur Säkularisierung: Der "doppelte Verrat" der Juden
Antisemitische Narrative kreisen nicht nur um wirtschaftliche, sondern auch um religiöse und ideologische Anfeindungen. Das Judentum war die erste Religion, die das Konzept des absoluten Monotheismus entwickelte, was es in den Augen polytheistischer Gesellschaften als destruktive Kraft erscheinen ließ. Spätere antisemitische Theorien wandelten diesen Vorwurf um: Nun wurde den Juden nicht mehr nur angelastet, den Monotheismus etabliert zu haben, sondern auch die Moderne durch Säkularisierung und Atheismus untergraben zu haben. Da das zeitgenössische Judentum besonders in Europa und Nordamerika überwiegend säkularisiert ist, wurde dies als ein Beleg für den "zerstörerischen" Einfluss jüdischer Intellektueller gedeutet.
Besonders auffällig ist auch die jahrhundertealte Beschuldigung der Juden, Christusmörder zu sein – eine absurde Verzerrung der historischen Realität. Tatsächlich waren es die Römer, die Jesus kreuzigten, dieselben Römer, die später die jüdische Bevölkerung aus Judäa vertrieben und damit die Diaspora begründeten. Dennoch blieb die Schuldprojektion bestehen und diente über Jahrhunderte hinweg als religiös begründete Legitimation für antijüdische Pogrome.
Kapitalismus und Kommunismus: Die Feindbilder verschmelzen
Ein weiteres Paradoxon des Antisemitismus ist die gleichzeitige Schuldzuweisung für Kapitalismus und Kommunismus. Juden wurden in rechts- und linksextremen (bzw. -radikalen) Ideologien als die treibende Kraft hinter dem Finanzkapitalismus konstruiert, während sie in nationalistischen oder konservativen Diskursen auch als Hauptakteure des Bolschewismus galten. Er, der Antisemit eben, nahm und nimmt es nur dem Juden übel – andere Akteure, die ähnliche Rollen in Wirtschaft oder Politik einnahmen, blieben meist unbehelligt. Diese Doppelrolle ist in der antisemitischen Logik jedoch keineswegs widersprüchlich, sondern Ausdruck einer tiefen Misstrauenshaltung gegenüber dem, was als "kosmopolitisch" und "grenzenlos" empfunden wird.
Die Figur des "jüdischen Intellektuellen", der über nationale Schranken hinweg wirkt, wurde dabei sowohl als "neoliberaler Globalist" als auch als "kommunistischer Umstürzler" inszeniert. Tatsächlich sind Juden oftmals sehr gebildete Menschen, was sich in ihrem überproportionalen Anteil an Nobelpreisen widerspiegelt – ein Umstand, der ihre Leistungen in Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft unterstreicht, aber zugleich antisemitische Ressentiments gegen ihren vermeintlichen Einfluss schürt. Dies zeigt, dass Antisemitismus kein konsistentes ideologisches Fundament hat, sondern eine flexibel anpassbare Projektionsfläche bleibt, die sich wechselnden gesellschaftlichen Bedrohungsgefühlen anpasst.
Israel als multiethnische Demokratie und die arabische Ablehnung des UN-Teilungsplans
Ein weiteres Beispiel für selektive Wahrnehmung betrifft die Darstellung Israels, wo sicherlich im Rahmen intensiver politischer Differenzen – eine lebendige Demokratie eben – bei Weitem nicht alles ideal läuft. Während Israel oft als aggressiver Staat dargestellt wird, bleibt seine demokratische Verfasstheit in vielen Debatten unerwähnt. Tatsächlich ist Israel eine multiethnische Demokratie mit garantierten Rechten für alle Bürger, unabhängig von Religion oder Herkunft – und keineswegs eine homogene, verschworenen Gruppe, wie antisemitische Narrative oft suggerieren. Im Gegenteil: Die Juden sind ein gespaltenes, geteiltes Volk, was sich heutzutage in Israel in den vielfältigen politischen, religiösen und kulturellen Strömungen deutlich zeigt. Dies steht im starken Kontrast zu vielen islamischen Staaten, in denen harte Diktaturen herrschen und Menschenrechtsverletzungen wie Kinderehen, Steinigungen, Erhängungen an Baukränen oder jahrzehntelange Kerkerstrafen an der Tagesordnung sind.
Zudem sprechen Vertreter des Islam – etwa in extremistischen Strömungen wie dem Islamischen Staat oder Teilen der Muslimbruderschaft – ganz offen aus, dass sie die Weltherrschaft anstreben (exakt das, was sie ihren großen Erzfeinden, den Juden, vorwerfen), ein Ziel, das in ihrer Ideologie mit der Unterwerfung aller "Ungläubigen" einhergeht. Dabei fällt auf, dass sich gefühlt die halbe Welt echauffiert, wenn Juden (beziehungsweise Israelis) Muslime, leider (!), töten, aber sie schweigen, wenn Muslime selbst, wie beispielsweise der Assad-Clan (es gibt noch viele weitere Beispiele), zu Hunderttausenden ihre vermeintlichen „Nahestehenden“ (teils auch „Glaubensbrüder“) quälen, massakrieren und abschlachten.
Besonders aufschlussreich ist auch der Umgang mit dem UN-Teilungsplan von 1947. Nach den Gräueln des Zweiten Weltkriegs wurden die Juden – als Überlebende des Holocaust und Vertriebene ohne Heimat – quasi „irgendwohin platziert“, nämlich nach Palästina (bis zu einem bestimmten Zeitpunkt noch unter britischem Mandat – als Siegermacht des Krieges hatten die Briten das Gebiet von den Osmanen übernommen, die während des Krieges auf der Seite der Mittelmächte standen), wo bereits eine lokale Bevölkerung lebte, was unausweichlich zu erheblichen Spannungen führte.
Die Vereinten Nationen – als damals weltweit anerkannter Schiedsrichter – schlugen eine Zweistaatenlösung vor, die Israel akzeptierte. Die arabischen Staaten lehnten jedoch ab und griffen Israel am Tag nach dem Beschluss militärisch an. Diese Eskalation verdeutlicht, dass der Konflikt nicht aus einer israelischen "Besatzung" entstand, sondern auf die prinzipielle Ablehnung eines jüdischen Staates durch die arabischen Nachbarn.
Der Holocaust als singuläres Ereignis und die Unmöglichkeit der Verhandlung
Der Holocaust stellt ein historisch singuläres Verbrechen dar, sowohl in seiner industriellen Perfektion als auch in seinem eliminatorischen Anspruch. Während viele Völkermorde in der Geschichte aus ökonomischen oder territorialen Motiven begangen wurden, zielte der Holocaust explizit auf die vollständige Vernichtung einer gesamten Bevölkerungsgruppe ab.
Diese Erfahrung prägt bis heute die Haltung vieler Juden gegenüber Feindbildern: Die Geschichte zeigt, dass in vielen Fällen Verhandlungen mit Antisemiten zwecklos sind, da es diesen nicht um Kompromisse, sondern um die Vernichtung der jüdischen Existenz geht.
Fazit: Antisemitismus als Spiegel gesellschaftlicher Ängste
Die Persistenz des Antisemitismus ist nicht auf reale Eigenschaften der jüdischen Bevölkerung zurückzuführen, sondern auf seine Funktion als Katalysator gesellschaftlicher Ängste. Er bietet einfache Erklärungen für komplexe Phänomene und kann sich an unterschiedliche ideologische und soziale Kontexte anpassen. Vor diesem Hintergrund erscheint es unmöglich, wie es Extremisten oftmals tun, von einem „Tätervolk“ zu sprechen. Viel eher handelt es sich bei den Juden um ein Opfervolk, das über Jahrhunderte hinweg Projektionen, Verleumdungen und Gewalt ausgesetzt war – eine historische Realität, die durch die Singularität des Holocaust nur noch deutlicher wird.
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