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Wirtschaftliche Ungleichheit und die Notwendigkeit eines Wandels: Warum es Zeit ist, die Prioritäten neu zu setzen

DMZ – GESELLSCHAFT ¦ S. Koller ¦

KOMMENTAR

 

In den letzten Jahrzehnten hat sich ein besorgniserregender Trend in der weltweiten Wirtschaftspolitik verstärkt: Während die Reichen von steuerlichen Vergünstigungen profitieren, müssen die sozial schwächeren Gruppen immer mehr Einsparungen hinnehmen. Ein zentrales Thema dabei ist die zögerliche Haltung gegenüber höheren Steuern für die reichsten Bürger. Stattdessen konzentrieren sich viele Regierungen darauf, den Gürtel bei den Armen enger zu schnallen. Doch warum verfolgen die Verantwortlichen diese Politik weiter, obwohl die langfristigen negativen Auswirkungen mittlerweile mehrfach belegt wurden?

 

Die Argumente der Befürworter niedriger Steuersätze

Ein häufig genanntes Argument derjenigen, die sich für niedrige Steuersätze für die Wohlhabenden aussprechen, ist die Förderung von Investitionen. Viele Regierungen glauben, dass hohe Steuern auf die Reichen das Investitionsklima gefährden könnten, was letztlich Arbeitsplätze und wirtschaftliches Wachstum bremsen würde. Doch in der Praxis zeigt sich, dass diese Theorie nicht aufgeht. Ein Beispiel aus der Schweiz zeigt, wie wenig diese Strategie tatsächlich bewirken kann: Der Kanton Obwalden hatte versucht, wohlhabende Steuerzahler mit attraktiven Steuervergünstigungen anzulocken. Doch die erhoffte wirtschaftliche Belebung blieb aus, und die Steuerreform wurde ein klarer Misserfolg. Statt den Wohlstand breiter zu streuen, wurde die Steuerpolitik primär auf die Interessen der Reichen ausgerichtet, ohne dass die breite Bevölkerung davon profitiert hätte.

 

Steuerwettbewerb und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft

Ein weiteres Problem, das diesen Kurs begünstigt, ist der zunehmende Steuerwettbewerb zwischen Ländern und Regionen. Wohlhabende Individuen können ihren Wohnsitz in Länder verlegen, die für sie steuerlich vorteilhafter sind. Dies hat zur Folge, dass Regierungen unter Druck geraten, die Steuersätze zu senken, um das Kapital nicht zu verlieren. Doch dieser Wettbewerb führt zu einer Abkehr von dem, was für die Gesellschaft als Ganzes notwendig wäre – einer gerechten Verteilung von Ressourcen.

 

Vor kurzem unterzeichneten mehr als 100 Millionäre und Milliardäre einen offenen Brief, in dem sie eine Vermögenssteuer und eine gerechtere Steuerlast forderten. Ihr Appell beleuchtet ein zentrales Problem: Die wachsende Kluft zwischen den extrem Reichen und den weniger Wohlhabenden ist nicht nur moralisch bedenklich, sondern auch ein wirtschaftliches Desaster. Eine Gesellschaft, die nur auf die Interessen einer kleinen, reichen Elite ausgerichtet ist, wird auf lange Sicht keinen Wohlstand für alle erreichen.

 

Der hohe soziale und gesundheitliche Preis dieser Politik

Doch warum wird weiterhin eine Politik verfolgt, die die ärmsten Bürger belastet und die Reichen verschont? Der Preis, den die Gesellschaft dafür zahlt, ist hoch. Während die Reichen von Steuererleichterungen profitieren, haben die Armen immer weniger, auf das sie zurückgreifen können. In vielen Ländern sehen wir, wie soziale Programme gekürzt werden, was die ärmsten Schichten noch weiter benachteiligt. Kürzungen bei Gesundheits-, Bildungs- und Sozialleistungen sind nur einige der Auswirkungen.

 

Es ist längst bekannt, dass diese Politik nicht nur die soziale Ungleichheit verschärft, sondern auch die öffentliche Gesundheit gefährdet. Armut ist eine der Hauptursachen für eine Vielzahl gesundheitlicher Probleme, die wiederum die öffentliche Gesundheitsversorgung belasten. In Ländern mit extrem ungleicher Einkommensverteilung sind Gesundheitskrisen oft intensiver und schwerwiegender. Die negativen Auswirkungen von Armut auf die Gesundheit sind unübersehbar – von höheren Krankheitsraten bis hin zu einer geringeren Lebensqualität. Das wirtschaftliche Wohlergehen eines Landes kann nicht auf Kosten der physischen und sozialen Gesundheit seiner Bürger gedeihen.

 

Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel

Es wird immer klarer: Die Konzentration von Reichtum in den Händen weniger und die Belastung der ärmsten Bevölkerungsschichten ist der falsche Weg. Die Pandemie hat uns erneut vor Augen geführt, wie wichtig eine solidarische Gesellschaft ist, in der Wohlstand gerecht verteilt wird und die Bedürfnisse aller Bürger – nicht nur einer reichen Minderheit – im Mittelpunkt stehen.

 

Es ist längst überfällig, dass wir den Kurs ändern. Die Steuerpolitik muss gerechter werden, und es muss eine stärkere Umverteilung des Reichtums stattfinden. Regierungen dürfen nicht länger die wirtschaftlichen Vorteile für die Reichen über das Wohl der Mehrheit stellen. Die sozialen und gesundheitlichen Kosten dieser Politik können nicht länger ignoriert werden. Es wird Zeit, auf langfristige soziale und gesundheitliche Vorteile zu setzen, anstatt auf kurzfristige wirtschaftliche Anreize für die Reichen.

 

Fazit

Die Geschichte zeigt uns, dass es weder moralisch noch wirtschaftlich nachhaltig ist, die ärmsten Schichten zu benachteiligen und die reichsten Bürger zu bevorzugen. Jetzt ist der Moment gekommen, die Prioritäten zu ändern und eine Politik zu verfolgen, die die Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft berücksichtigt. Der Fokus sollte nicht länger auf den kurzfristigen Vorteilen einer kleinen, reichen Elite liegen. Es ist Zeit, die Gesellschaft insgesamt in den Blick zu nehmen und die Interessen der Mehrheit über die der Wenigen zu stellen.


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