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„Eine weitere Variante Ihres gekränkten Belastungseifers“ – Drosten kontert Schmidt-Chanasit

Eine heftige Kontroverse auf X nach einer Pressemitteilung gewährte diese Woche Einblick in die Tiefe der Gräben, die zwischen deutschen Virolog:innen bei der Pandemieaufarbeitung bestehen.
Eine heftige Kontroverse auf X nach einer Pressemitteilung gewährte diese Woche Einblick in die Tiefe der Gräben, die zwischen deutschen Virolog:innen bei der Pandemieaufarbeitung bestehen.

DMZ WISSENSCHAFT ¦ Stefan HemlerEine heftige Kontroverse auf X nach einer Pressemitteilung gewährte diese Woche Einblick in die Tiefe der Gräben, die zwischen deutschen Virolog:innen bei der Pandemieaufarbeitung bestehen.

ANALYSE

 

Auf dem Kurznachrichtendienst X (vormals Twitter) ist es seit Mitte der Woche zu einem mehrtägigen Schlagabtausch zwischen Virologieprofessor:innen gekommen. Dabei hielt der Berliner Charité-Lehrstuhlinhaber Christian Drosten dem Hamburger Professor Jonas Schmidt-Chanasit vor, aus „gekränktem Belastungseifer“ seine Fachkollegen öffentlich auf X zu attackieren. Drosten erneuerte damit seine Kritik an der unangemessenen Art und Weise von Schmidt-Chanasits Social Media-Auftritten, die er auf X bereits am 6. Dezember 2024 in scharfer Weise formuliert hatte. Hintergrund der Debatte ist Drostens Einsatz für eine vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation auf Basis anerkannter fachlicher Expertise, für die er als Lehre aus der Pandemie klarere Standards etabliert sehen möchte.

 

Zu der jüngsten Auseinandersetzung war es nach der Veröffentlichung eines Rechercheartikels von Holger Stark und Georg Mascolo am Mittwoch in der „Zeit“ gekommen. Darin wurde über bereits seit 2020 bestehende Erkenntnisse des Bundesnachrichtendienstes berichtet, denen zufolge der Ursprung der Corona-Pandemie im chinesischen Wuhan vermutlich nicht einem Spill Over auf dem dortigen Wildtiermarkt sondern sehr wahrscheinlich einem Labor-Leak bei Gain of Function-Forschungen geschuldet sei (https://archive.ph/AEdZv#selection-2641.0-2645.182).

 

Trotz BND-Erkenntnissen legt sich die Gesellschaft für Virologie beim Pandemieursprung weiterhin nicht fest

Zu der sich rasch entsponnenen öffentlichen Debatte hatte sich am Freitagnachmittag mit einer Pressemitteilung auch die deutsche Gesellschaft für Virologie (GfV) geäußert, der sowohl Drosten in ihrem Beirat wie auch Schmidt-Chanasit als Kommissionsmitglied angehören. Die Gesellschaft erklärte darin, sie könne derzeit „keine weitere Einschätzung darüber abgeben, wie wahrscheinlich ein nicht natürlicher Ursprung von SARS-CoV-2“ sei. Ferner merkte die GfV kritisch an, „dass die Aufklärung weiterhin erhebliche wissenschaftliche Lücken“ aufweise.

 

Zur Gain of Function (GoF)-Forschung wurde festgestellt, dass diese grundsätzlich zwar „weiterhin wichtig“ sei, aber „virologische GoF-Arbeiten klar reguliert und überwacht“ sowie insbesondere die „internationalen Biosicherheitsrichtlinien der WHO (..) angewendet werden“ müssten (https://g-f-v.org/stellungnahme-der-gesellschaft-fuer-virologie-zur-aktuellen-berichterstattung-ueber-erkenntnisse-des-bundesnachrichtendienstes/).

 

Schmidt-Chanasit moniert fehlende „Deklaration möglicher Interessenkonflikte“, Eckerle nennt seine Kritik „etwas lächerlich“

In einem Tweet monierte der Hamburger Arbovirologe Schmidt-Chanasit nun aber dieses GfV-Pressestatement. „Da fehlt leider die Deklaration möglicher Interessenkonflikte, wie es in der Medizin üblich ist“, kommentierte er am Freitagabend auf X (https://x.com/ChanasitJonas/status/1900599681341665606). Sein Tweet stieß jedoch bei mehreren Kolleg:innen auf Unmut, da eine solche Deklaration zwar bei Forschungspapers durchaus zum Standard gehört, aber bei Pressestatements von Fachgesellschaften, anders als von Schmidt-Chanasit behauptet, keineswegs üblich ist (vgl. dazu auch die kritischen Anmerkungen zu Schmidt-Chanasits eigener Deklarationspraxis in folgendem Thread auf X: https://x.com/Musician1980/status/1900978054018506782).

 

Dementsprechend kommentierte die Genfer Virologieprofessorin Isabella Eckerle, die auch dem Beirat der GfV angehört, den Tweet ihres Hamburger Kollegen noch am selben Abend spitz mit folgenden Worten: „Lieber Jonas, unter keiner Stellungnahme der GfV stand bisher ein Interessenkonflikt, auch nicht unter denen, die Du mit unterzeichnet hast. Was für ein Interessenkonflikt soll das sein, wenn man sagt, man kann einen Sachverhalt ohne Daten nicht bewerten? Findest Du das nicht langsam etwas lächerlich?“ (https://x.com/EckerleIsabella/status/1900631687287239162)

 

Drosten zu Schmidt-Chanasit: „Bald werden Sie wohl noch sagen: ‚The professors are the enemy‘.“

Beate Sodeik, Professorin an der Medizinischen Hochschule Hannover und wie Eckerle und Drosten ebenfalls Mitglied des Beirats der Gesellschaft für Virologie, reagierte am Samstagmittag nur mit Spott auf Schmidt-Chanasits Tweet. „Ja, Jonas wir lesen doch alles was Du schreist …. Haben nur selten Zeit zu kommentieren. Aufmerksamkeitsökonomie, Du weißt.“, kommentierte sie am Samstagmittag dazu auf X (https://x.com/MeBeate/status/1900861248104792565).

 

Noch schärfer hatte bereits zwei Stunden vor Sodeik Christian Drosten reagiert. Er antwortete Schmidt-Chanasit am Samstag mit folgenden Worten:
„Fachexpertise als Interessenskonflikt implizieren ist nur eine weitere Variante Ihres gekränkten Belastungseifers. In der Vergangenheit haben Sie fachspezifische Drittmittelförderung als Interessenskonflikt dargestellt. Bald werden Sie wohl noch sagen: ‚The professors are the enemy‘.“ (https://x.com/c_drosten/status/1900826733546209483)

 

Mit dem Zitat nahm Drosten dabei Bezug auf eine in den sozialen Medien viral gegangene entsprechende wissenschaftsfeindliche Äußerung von JD Vance auf der National Conservatism Conference 2021, der dabei den früheren US-Präsidenten Richard Nixon zitiert und dessen „Weisheit“ gelobt hatte (https://x.com/NatConTalk/status/1455700807144415232).

 

Auch die Gesellschaft für Virologie, an deren Spitze der Essener Professor Ulf Dittmer als ihr Präsident steht, nahm am Samstagabend Schmidt-Chanasits kurze Äußerung zum Anlass, auf X per Tweet Stellung zu beziehen und der Kritik „entschieden“ zu begegnen. In einem den Hamburger Virologen direkt kommentierenden Tweet hieß es wörtlich: „Der GfV-Vorstand weist diese Unterstellung der Befangenheit entschieden zurück, auch für die engagierten Mitglieder unserer Kommission für Sicherheit in der virologischen Forschung!“ (https://x.com/GesVirologie/status/1900965419055235198).

 

Drosten lehnt 2020 die „Great Barrington Declaration“ ab, Schmidt-Chanasit zeigt dafür Sympathien

Die hitzige Debatte auf X entbrannte diese Woche dabei nicht ganz aus heiterem Himmel. Denn es ist nun bereits das zweite Mal, dass sich Christian Drosten auf dem Kurznachrichtendienst mit sehr deutlichen Worten der Kritik an seinen Kollegen Jonas Schmidt-Chanasit wendet. Hintergrund sind die schweren Differenzen der beiden Virologen bei Fragen der Pandemieaufarbeitung, die aus einer konträren Positionierung bei Fragen der richtigen Seuchenbekämpfungsstrategie herrühren.

 

Während Drosten insbesondere für die Zeit der Jahre 2020/21, also vor der breiten Verfügbarkeit des Impfstoffes für die Bevölkerung, die Strategie der Eindämmung (containment) vehement verteidigte, machte sich Schmidt-Chanasit zusammen mit seinem Bonner Professorenkollegen Hendrik Streeck bereits im Oktober 2020 für eine Fokussierung der Maßnahmen auf den Schutz von Vulnerablen, etwa in Alten- und Pflegeheimen (focussed protection), öffentlich stark (https://www.kbv.de/media/sp/KBV-Positionspapier_Wissenschaft_Aerzteschaft_COVID-19.pdf). Die beiden auch in Talkshows häufiger präsenten Virologen taten dies also zu Beginn der besonders schweren zweiten Pandemiewelle, der rund ein Drittel aller Coronatoten in Deutschland, etwa 60.000 Menschen, zum Opfer fielen – und verteidigten ihr Vorgehen gegen alle Kritik auch später noch vehement.

 

Schmidt-Chanasit und Streeck griffen dabei ein höchst umstrittenes Konzept auf, das von überwiegend in den USA lehrenden Epidemiologen als „Great Barrington Declaration“ im Herbst 2020 öffentlich bekannt gemacht worden war (https://gbdeclaration.org/). Bei dem Großteil der weltweiten Pandemie-Expert:innen, so auch bei Christian Drosten, stieß diese als Online-Petition lancierte Erklärung auf scharfe Ablehnung.

 

Auch WHO-Generaldirektor Tedros verurteilte das von dem Wissenschaftler-Trio Martin Kulldorff, Sunetra Gupta und Jay Bhattacharya lancierte Papier als „unethisch“, da bei der weitgehend ungebremsten Zulassung einer Durchseuchung der ungeimpften Bevölkerung von einer wesentlich höheren Totenzahl als bei einer Eindämmungsstrategie auszugehen sei (https://www.theguardian.com/world/2020/oct/12/who-chief-says-herd-immunity-approach-to-pandemic-unethical). Ähnlich ablehnend äußerte sich 2020 auch die deutsche Gesellschaft für Virologie (https://g-f-v.org/19-10-2020-aktualisiert-6-11-2020-stellungnahme-der-gesellschaft-fuer-virologie-zu-einem-wissenschaftlich-begruendeten-vorgehen-gegen-die-covid-19-pandemie/).

 

Schmidt-Chanasit provoziert 2024 mit #Drosten-Hashtag und Kubicki-Zitat: „Warum wurden diejenigen Stimmen, die richtig lagen, nicht gehört?“

Vor diesem konfliktuösen Hintergrund kam es im Rahmen der Debatte um eine Pandemieaufarbeitung Ende 2024 auf X zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen Drosten und Schmidt-Chanasit, über den auch das Magazin „Focus“, das News-Portal von T-Online und der Münchner Merkur berichteten: https://www.focus.de/gesundheit/news/jonas-schmidt-chanasit-ihr-verhalten-ist-hinterhaeltig-drosten-faltet-auf-x-kollegen-zusammen_id_260539674.html; https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_100546474/corona-christian-drosten-und-jonas-schmidt-chanasit-streiten-oeffentlich.html; https://www.merkur.de/welt/ihr-verhalten-ist-hinterhaeltig-corona-zoff-zwischen-virologe-drosten-und-kollege-eskaliert-93455244.html.

 

Auslöser des Streits war am 2. Dezember 2024 ein Tweet von Schmidt-Chanasit, in dem dieser mit Blick auf die seiner Ansicht nach zu strengen deutschen Corona-Schutzmaßnahmen die zwei Zitate „Wir meinten, es besser als andere zu wissen, lagen aber dramatisch falsch.“ und „Die Frage ist: Warum wurden diejenigen Stimmen, die richtig lagen, nicht gehört?“ des FDP-Politikers Wolfgang Kubicki aus dessen an den Erlanger Ethik-Professor Peter Dabrock gerichtete Online-Replik wiederholte (https://wkubicki.abgeordnete.fdpbt.de/meine-antwort-professor-dabrock). Seinen zitiertechnisch formal fehlerhaften, insofern etwas unklar eigentlich Kubicki zitierenden Tweet würzte Schmidt-Chanasit zusätzlich mit mehreren Hashtags, darunter auch „#Aufarbeitung“ und „#Drosten“ (https://x.com/ChanasitJonas/status/1863630236383908245).

 

Der so angesprochene Drosten forderte zwei Tage später von Schmidt-Chanasits konkrete Beispiele für die getwitterten Behauptungen ein: „Wo konkret glauben Sie, richtig gelegen zu haben? Und wo meinen Sie, nicht gehört worden zu sein?“, fragte er auf X nach (https://x.com/c_drosten/status/1864219451673202762).

 

Wenig überraschend kam es auf dem Kurznachrichtendienst nun zwischen den beiden Kontrahenten und einigen weiteren Mitdiskutanten aufgrund der gegensätzlichen Positionierung zu einem Schlagabtausch. In seiner Antwort entgegnete Schmidt-Chanasit Drosten dabei Folgendes: „Während Du z.B. 2020 in einem Preprint vor der Öffnung der Schulen gewarnt hast und später für Impfungen bei gesunden Kindern unter 12 Jahren gegen die STIKO-Empfehlung plädiert hast, habe ich von Anfang an für offene Schulen, besseren Schutz der Vulnerablen & gegen gesellschaftliche Spaltung plädiert. Dafür habe ich massive Kritik einstecken müssen. Heute gelten meine Vorschläge als richtig - leider zu spät.“ (https://x.com/ChanasitJonas/status/1864246885768151437).

 

Drosten zu Schmidt-Chanasit: „Ihr Verhalten ist hinterhältig, nicht nur den Kolleginnen, sondern insbesondere auch der Öffentlichkeit gegenüber.“

Nachdem Drosten Schmidt-Chanasits Behauptung, eine unterdrückte Meinung vertreten zu haben, in einem ersten Tweet zurückgewiesen hatte (https://x.com/c_drosten/status/1864490028065542456), antwortete der Charité-Virologe am 6. Dezember 2024 schließlich auf die Vorhaltungen seines Hamburger Kollegen in einem weiteren, umfassenderen Statement, in dem er nicht nur die inhaltliche Argumentation zurückwies, sondern Schmidt-Chanasit auch ein „hinterhältiges“ Verhalten auf X vorwarf – hier der volle Wortlaut von Drostens bemerkenswert deutlichem Postings auf X:

 

Es tut mir leid, aber es geht so nicht mehr. Ihr Verhalten muss hier jetzt einfach einmal kommentiert werden. Weder ich, noch die Leopoldina-Kollegen haben sich gegen die Stiko gestellt, auch wenn Sie das noch so gern behaupten wollen. Es bestand damals eine Impfempfehlung für grunderkrankte Kinder, und genau diese bekräftige ich im dem hier von Ihnen bemühten Interview-Ausschnitt. Ich möchte und muss mich nicht rechtfertigen für etwas, das alleine Ihrem privaten Belastungseifer entspringt. Sie scheinen zudem die Stiko zu einer Verbotsinstanz stilisieren zu wollen, die bestimmt, was Ärzte dürfen und nicht dürfen. Damit suggerieren sie der Öffentlichkeit eine Situation, die so überhaupt nicht besteht. Natürlich lassen die Stiko-Empfehlungen ganz gewollt einen ärztlichen Ermessensspielraum zu, was Impfentscheidungen unter Erwägung von Grunderkrankungen angeht. Und natürlich dürfen sich ärztliche Experten - egal ob bei der Leopoldina, auf einem Kongress oder in einem Fernsehinterview - in einem dynamischen Geschehen mit ihrer fachlich begründeten Einschätzung äußern. Im von Ihnen bemühten Leopoldina-Papier wird neben der aktuellen epidemiologischen Grundlage auch die regulative Basis genannt: die Zulassungsempfehlung der EMA zum Zeitpunkt der Stellungnahme. Eine explizite Stiko-Empfehlung für das Impfen von Kindern gab es einfach noch nicht, weil die Stiko daran eben noch arbeitete. Die Studien zu Vakzinen mit reduzierter Dosis kamen gerade herein und die Stiko brauchte nun einmal Zeit, diese aufzunehmen. Gleichzeitig bestand damals eine große Unsicherheit und jede neue Information, die man gemeinsam zusammentrug, war hilfreich. Kollegiale Abstimmungen auch zwischen Gremien sorgten dafür, dass in der Öffentlichkeit keine grob irrlichternden Einzelmeinungen kursierten, jedenfalls nicht im Kreis der Personen, die verantwortlich handelten und sich dafür gegenseitig respektierten. Sie konstruieren hier am Schreibtisch mit drei Jahren Zeitabstand einen Vorwurf, der keinerlei Grundlage hat. Ihre Claqueure, die Sie dank der jahrelangen Stichelei und den Algorithmen auf dieser Plattform um sich versammelt haben, verschaffen Ihnen sicherlich ein Gefühl der Bestätigung. Aber machen auch Sie sich klar: diese Plattform ist nicht die Wirklichkeit. Ihr Verhalten ist hinterhältig, nicht nur den Kolleginnen, sondern insbesondere auch der Öffentlichkeit gegenüber. Bleiben Sie einfach fair und nehmen Sie die Kollegialität, die Sie hier unangenehmerweise immer wieder inszenieren, doch einfach einmal ernst. Und unterlassen Sie es bitte in Zukunft, meine Aussagen zu simplifizieren und zu verfälschen.“ (https://x.com/c_drosten/status/1864682878686384487, Hervorhebungen nicht im Originaltext)

 

Lernen aus der Pandemie: Drostens Kritik an der Pseudo-Expertise von „zu vielen irreführenden Personen in der Öffentlichkeit“

Nach den nun neuerlich aufgeflammten heftigen Auseinandersetzungen in dieser Woche bleibt abzuwarten, ob der Schlagabtausch nach Drostens jüngster Äußerung und der Kritik der Gesellschaft für Virologie vorerst wieder beendet ist. Die eigentlichen Ursachen hinter dem aktuellen Twitter-Konflikt sind damit aber sicher längst noch nicht vom Tisch. Denn von Christian Drosten wurde in den letzten Monaten das hinter den auf Social Media sichtbaren Konfliktlinien liegende, ihm noch wichtiger erscheinende Problem wiederholt und mit Nachdruck angesprochen, seit er sich vor gut einem Jahr wieder vermehrt in der Diskussion um die Pandemieaufarbeitung eingeschaltet hat – so etwa mit der Veröffentlichung des Buchs „Alles überstanden?“ zusammen mit dem Journalisten Georg Mascolo.

 

So ist es nach Drostens Ansicht nötig, dass von Seiten der Wissenschaft als Lehre aus der Pandemie interne Regelungen erarbeitet werden, durch die sichergestellt wird, dass im Falle neuer Public Health Krisen deutlicher als bisher der Öffentlichkeit die fachwissenschaftliche Mehrheitsmeinung klar kommuniziert wird. Schließlich sei diese nach Drostens Ansicht für die Politikberatung wie auch für den öffentlichen Diskurs als Orientierungshilfe von großer Relevanz. Hingegen müsse vermieden werden, dass Vertreter:innen von in der Fachwelt nicht anerkannten Minderheitsmeinungen – so wie etwa in der Corona-Pandemie die Verfechter der Great Barrington Declaration – durch False Balancing in der medialen Öffentlichkeit erneut den Eindruck erwecken könnten, eine fachlich gleichwertig anerkannte Expertise einzubringen.

 

Es hat zu viele irreführende Personen in der Öffentlichkeit gegeben, die sich als Wissenschaftler identifizieren, in Wirklichkeit aber rein populärpolitisch argumentiert haben. Das war ein großes Problem“, stellte Drosten hierzu am 23. Januar 2025 in einem Interview mit dem Deutschlandfunk fest (https://www.deutschlandfunk.de/christian-drosten-corona-rueckblick-100.html)

 

Warnung vor dem „Verwechseln von Politikerrolle und Wissenschaftlerrolle“

Ohne konkrete Namen zu nennen wurde Drosten kürzlich zu Beginn eines Podcast-Interviews mit der „Zeit“ sogar noch deutlicher in seiner Kritik: „Es hat Personen gegeben, Wissenschaftler, auch in meinem Fach, die sich früh in der Pandemie mit falschen Positionen in der Öffentlichkeit festgelegt haben und es nie geschafft haben, sich selbst zu korrigieren, sondern sich verhärtet haben, argumentativ, damit die Wissenschaft argumentativ verlassen haben und begonnen haben politisch Positionen zu beziehen und politisch zu argumentieren. Und dieses Verwechseln von Politikerrolle und Wissenschaftlerrolle, diese Verführung als ein Wissenschaftler, der vielleicht sich gerne im öffentlichen Licht sieht, in der Kamera sieht, dann populär, sogar populistisch, vielleicht parteipolitisch zu argumentieren, das hat das Vertrauen in die Wissenschaft zerstört.“ (https://www.zeit.de/gesundheit/2025-03/christian-drosten-corona-pandemie-virologe-war-da-was, Hervorhebung hinzugefügt)

 

Nach den jüngsten Auseinandersetzungen auf Twitter dürfte klar sein, dass Drosten hier auch Jonas Schmidt-Chanasit mit dieser ebenso grundlegenden wie bedenkenswerten Kritik adressiert hat. Zusammen mit dem inzwischen in den Bundestag als CDU-Abgeordneten eingezogenen Hendrik Streeck waren Schmidt-Chanasit und der pensionierte WHO-Mitarbeiter Klaus Stöhr während der Pandemie in Deutschland stetig bestrebt, einen medialen präsenten Experten-Gegenpol zu Drosten zu bilden.

 

Über Drostens deutliche Kritik an fehlgeleiteter Wissenschaftskommunikation bis hin zu gezielter, interessengeleiteter Desinformation wird hoffentlich bald noch ausführlicher Gelegenheit sein, öffentlich wie auch unter den Expert:innen zu diskutieren. Breiten Raum dafür sollte die von der Ampel-Koalition aus Uneinigkeit aufgeschobene, zuletzt vom Bundespräsidenten zurecht wieder angemahnte Aufarbeitung der Pandemie in Deutschland bieten – sofern diese ihren Namen wirklich verdient.

 

Zu einem heftigen Schlagabtausch auf X kam es diese Woche nach Veröffentlichung einer Pressemitteilung der Gesellschaft für Virologie, bei der es um die aktuell nach Bekanntwerden von BND-Erkenntnissen neu diskutierte Frage des Pandemieursprungs ging. Der hierbei entflammte Konflikt zwischen mehreren Virologieprofessor:innen gewährte neuerlich Einblick in die Tiefe der Gräben, die beim Thema der Pandemieaufarbeitung in Deutschland auch unter Expert:innen weiterhin bestehen.

 

 

Bildquellen zur Illustration (Screenshot-Collage):

 

https://g-f-v.org/stellungnahme-der-gesellschaft-fuer-virologie-zur-aktuellen-berichterstattung-ueber-erkenntnisse-des-bundesnachrichtendienstes/

 

https://x.com/EckerleIsabella/status/1900933138060017999

 

https://x.com/ChanasitJonas/status/1900599681341665606


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