
DMZ – WISSENSCHAFT ¦ L. Wallner ¦
Die Dokumentation von Sarah Tacke versucht, eine "Aufarbeitung" der Pandemiepolitik und ihrer Folgen vorzunehmen. Doch eine genauere Analyse zeigt, dass wesentliche wissenschaftliche Erkenntnisse verzerrt dargestellt oder unterschlagen werden. Die Sendung folgt einem Narrativ, das auf vermeintliche "Fehler" der Maßnahmen fokussiert ist, während sie entscheidende Fakten über die Notwendigkeit dieser Maßnahmen ignoriert oder unzureichend einordnet.
1. Irreführende Darstellung von Lockdowns und Schulschließungen
Sarah Tacke behauptet, dass die Corona-Maßnahmen nie wirklich aufgearbeitet wurden. Diese Aussage ist sachlich falsch. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Studien und Berichte, die die Effektivität von Lockdowns, Maskenpflicht und Impfkampagnen untersucht haben.
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Lockdowns haben nachweislich Leben gerettet. Eine Studie im Fachjournal Nature (Flaxman et al., 2020) kam zu dem Ergebnis, dass Lockdowns Millionen von Todesfällen verhindert haben.
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Schulschließungen waren notwendig, um die Virusausbreitung zu verlangsamen. Untersuchungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigten, dass Kinder sehr wohl zur Verbreitung des Virus beitrugen. Zudem kam eine Metastudie im BMJ zu dem Schluss, dass Schulschließungen in frühen Pandemiestadien entscheidend zur Eindämmung beigetragen haben.
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Deutschland hatte nicht die längsten Schulschließungen in Europa. Die Aussage, dass Deutschland mit 183 Tagen die längste Schulschließung in Europa hatte, ist irreführend. Länder wie Italien, Rumänien und Polen hatten teils noch längere Schließungen oder strengere Beschränkungen für den Schulbetrieb.
2. Vermischung von berechtigter Kritik und Verschwörungstheorien
Ein fragwürdiges Stilmittel der Doku ist die Gleichstellung von Menschen mit Long Covid mit Corona-Leugnern und Querdenkern. Während Long-Covid-Patienten eine wissenschaftlich fundierte Basis für ihre Forderungen haben, werden sie in der Dokumentation in einem Umfeld präsentiert, das auch Querdenker-Proteste zeigt. Diese Vermischung trägt dazu bei, berechtigte Anliegen zu delegitimieren.
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Long Covid ist eine ernsthafte Erkrankung, deren wissenschaftliche Erforschung voranschreitet. Es gibt mittlerweile zahlreiche Studien, die die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten untersuchen. Die Doku suggeriert jedoch, dass Betroffene "alleingelassen" würden, was nicht der Realität entspricht.
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Die Darstellung von "Querdenkern" als legitime Kritiker ist problematisch. In der Doku wird zwar angemerkt, dass sich rechtsextreme Gruppen mit der Bewegung vermischt haben, doch es fehlt eine klare Abgrenzung zwischen berechtigter politischer Kritik und wissenschaftsfeindlichen Narrativen.
3. Irreführung bei Impfnebenwirkungen und "Post-Vac"-Syndrom
Ein besonders kritischer Punkt der Dokumentation ist die Art und Weise, wie über Impfnebenwirkungen berichtet wird.
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Langfristige Schäden durch COVID-19 sind weit häufiger als durch Impfungen. Studien zeigen, dass Long Covid weitaus häufiger auftritt als schwerwiegende Impfkomplikationen. Laut einer Analyse der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) treten schwere Impfnebenwirkungen in weniger als 0,002 % der Fälle auf, während Long Covid in 10–30 % der Infizierten beobachtet wird.
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Die Zahlen zu Impfschäden sind nicht kontextualisiert. Die Dokumentation nennt 13.705 Anträge auf Anerkennung von Impfschäden, von denen 598 anerkannt wurden. Dies wird als Beleg für hohe Impfrisiken dargestellt, dabei belegt es genau das Gegenteil: Die Quote der bestätigten Fälle ist extrem niedrig.
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Das "Post-Vac"-Syndrom ist wissenschaftlich nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Es gibt keine gesicherten Beweise, dass Impfschäden in dem von der Doku suggerierten Ausmaß auftreten. Stattdessen zeigen aktuelle Studien, dass viele dieser Symptome auch nach natürlichen COVID-Infektionen auftreten.
4. Wirtschaftliche Schäden und soziale Folgen der Pandemie
Ein weiteres Hauptnarrativ der Dokumentation ist, dass die Pandemie vielen Menschen geschadet hat – wirtschaftlich und sozial. Dies ist grundsätzlich richtig, doch die Doku unterschlägt, dass die Alternative (keine Maßnahmen) katastrophale Folgen gehabt hätte.
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Ohne Maßnahmen wäre das Gesundheitssystem kollabiert. Länder mit zu wenigen Maßnahmen, wie Brasilien oder Schweden, hatten massiv überlastete Krankenhäuser und hohe Todeszahlen.
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Die wirtschaftlichen Schäden wurden durch Hilfsprogramme abgefedert. Die Bundesregierung stellte milliardenschwere Corona-Hilfen bereit, die viele Unternehmen vor dem Ruin bewahrt haben.
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Häusliche Gewalt und psychische Probleme haben zugenommen – aber die Pandemie war nicht der einzige Faktor. Schon vor der Pandemie gab es steigende Zahlen in diesen Bereichen. Eine differenzierte Analyse fehlt in der Doku.
Fazit: Eine tendenziöse Aufarbeitung mit verzerrter Faktenlage
Sarah Tackes Dokumentation vermittelt den Eindruck, dass die Maßnahmen überzogen und schädlich waren, während die positiven Effekte kaum gewürdigt werden. Kritische Einordnungen fehlen oder werden in einem populistischen Narrativ über "nicht erfolgte Aufarbeitung" eingebettet. Die Doku versäumt es, wissenschaftliche Erkenntnisse angemessen darzustellen, und gibt stattdessen problematischen Narrativen zu viel Raum.
Die Gefahr solcher Berichterstattung liegt darin, dass sie Zweifel an wissenschaftlich fundierten Maßnahmen sät und gesellschaftliche Spaltung verstärkt, anstatt zu einer seriösen Aufarbeitung der Pandemie beizutragen. Eine faktenbasierte Diskussion sollte sich auf seriöse wissenschaftliche Erkenntnisse stützen – nicht auf emotionalisierende, aber einseitige Darstellungen.
Besonders problematisch ist, dass das ZDF in den vergangenen Monaten wiederholt durch fragwürdige Berichterstattung zu Pandemie- und Impfthemen negativ aufgefallen ist. Ein öffentlich-rechtlicher Sender sollte jedoch höchsten journalistischen Standards verpflichtet sein und nicht durch tendenziöse Darstellungen zur Verbreitung von Fehlinformationen beitragen.
Berichterstattung
Zu allem Überfluss werden in der fortgesetzten Berichterstattung sogar Opfer falsch dargestellt und Fakten verzerrt oder ungenau wiedergegeben.
Kurz was dazu: keine Ahnung, wie Focus auf die Überschrift kommt. Ich hatte von dem Artikel keine Ahnung und auch beim ZDF nie meine Impfungen von zwei Jahren vor der Erkrankung mit Long-COVID in Verbindung gebracht 😡 pic.twitter.com/nntW3yIbJY
— Fabian Fritz (@FFHambu) March 12, 2025
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